posthumes Böhme-Portrait um 1730

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Claudia Richter: Jacob Böhme - eine Einführung

Rolf Cantzen: Radioessay auf Bayern2

Günther Bonheim: Blüten der Erkenntnis

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Jacob Böhme  -  eine Einführung

Wie sein Vorgänger Meister Eckhardt im Mittelalter musste sich der Görlitzer Mystiker Jakob Böhme (geb. 1575 in Alt-Seidenberg, gest. 1624 in Görlitz) gegen Vorwürfe wehren, Ketzer und Heide zu sein. Ganz so abwegig ist der Vorwurf nicht, da Böhme viele seiner Erkenntnisse aus der Naturbeobachtung schöpfte, und nicht allein aus der Bibel. So empfahl er seinen Zeitgenossen zum Beispiel den Besuch einer Blumenwiese, um zur wahren Gotteserkenntnis zu gelangen: "Du wirst kein Buch finden, da du die göttliche Weisheit könntest mehr inne finden zu forschen, als wenn du auf eine grüne und blühende Wiesen gehest; da wirst du die wunderliche Kraft Gottes sehen, riechen und schmecken, wiewohl es nur ein Gleichnis ist." (Drei Principien Göttliches Wesens, VIII, 12). Schon Hildegard von Bingen hatte die sancta viriditas ("heilige Grünheit") als göttliche Urkraft gesehen: "Alles natürlich geoffenbarte Grün ist Spiegelbild für jene Grünheit, die im Grund der Ewigkeit verborgen liegt. Denn die Ewigkeit ist grün und ist die Keimzelle für alle Lebenskräfte der Welt." (Hildegard von Bingen, Heilkunde, S. 304). Als Heide verstand sich Böhme deshalb aber nicht, sondern, wie Hildegard, als guter Christ. In einer Zeit der ideologischen Grabenkämpfe - u.a. zwischen der katholischen Kirche, dem Luthertum, den Calvinisten und diversen Endzeit-Sekten - war es dem geistig suchenden Schuster ein inneres Anliegen, sein natürliches Gottesverständnis und die in der Welt wirkenden göttlichen Prinzipien in Worte zu fassen, um damit zum Frieden und zur Harmonie in der Welt beizutragen. Der "Zank" war ihm ein Dorn im Auge - er war des Teufels und von Babel. Damit hatte er nicht ganz unrecht, wie sich herausstellen sollte: der heraufziehende Dreißigjährige Krieg (1618-1648), der sich zum schwersten militärischen Konflikt im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation entwickelte, löschte fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus und wurde erst 1648 durch den Westfälischen Frieden beendet. Man sollte Böhme deshalb vielleicht nicht nur als Mystiker, Visionär oder Philosophen sehen, sondern vielleicht auch als eine Art Heiler, der die heraufziehende Gefahr witterte und versuchte, seinen Mitmenschen eine einende Vision als geistige "Artzney" zur Verfügung zu stellen: Böhme hatte sich auch intensiv mit Paracelsus befasst, von dem wiederum eine Spur zu Hildegard von Bingen und zur Kräuterheilkunde führt. Dass das nicht gleich von Allen verstanden wurde, kann man seinen Zeitgenossen nicht verübeln: so ergeht es eigentlich jeder Avantgarde.

Bemerkenswert ist die poetische Kraft von Böhmes Sprache: Böhme denkt in ausdrucksstarken, sinnlichen Bildern und Begriffen, die wir heute noch verstehen, weil sie aus der unmittelbaren Erfahrung stammen. Abstrakte Theoriegebäude waren Böhmes Sache nicht. Obwohl viele Wörter heute nicht mehr im Gebrauch sind, wissen wir intuitiv, was gemeint ist. Dass dabei Einiges rätselhaft bleibt, mindert die Magie von Böhmes Schriften keineswegs. Ob sich diese auch in Sprachen entfaltet, in denen es z.B. keine Entsprechungen für „Gestaltnuss“, „ausgrünen“, „Quell-geist“ oder "Zorn-feuer" gibt, ist eine interessante Frage. Zwar wird neuerdings immer wieder behauptet, Böhme hätte im Ausland mehr Zuspruch erfahren als in Deutschland, aber das ist nicht ganz richtig. Auf keine Geistestradition hat Böhme stärker gewirkt als auf die deutsche: Goethe, Hegel, die deutsche Romantik, Schelling und die Naturphilosophie, die sich um ein ganzheitliches Weltbild als Grundlage für die Naturwissenschaften bemühte - sie alle erhielten wichtige Impulse vom "philosophus teutonicus", wie man ihn damals nannte. Böhmes Werk ist ein geradezu obsessiver Versuch, Spalterei und Schwarz-Weiß-Denken zu überwinden - eine Art alchemistische Operation, die uns an den Urgrund der Schöpfung zurückführt: das Böse ist im Guten und das Gute im Bösen enthalten, beides stammt aus einer göttlichen Wurzel.

Trotzdem ist es richtig zu betonen, dass Jakob Böhme in der Tat begeisterte Anhänger in Ländern fand, die vom radikalprotestantischen Calvinismus heimgesucht worden waren: Holland, England und Amerika. Die Lehre des Genfer Reformators Johannes Calvin, die stark aus dem Alten Testament inspiriert ist, teilt die Menschheit in Erwählte und Verdammte. Letztere haben keine Aussicht auf Erlösung. Erkannte man in Böhme das geistige Heilmittel gegen die lebensfeindliche Grundhaltung und das moralisierende Schwarz-Weiß-Denken der Calvinisten (Puritaner), die das kulturelle Leben und die Kreativität in diesen Ländern nachhaltig lähmten? Vom englischen König Charles I. (1600-1649) wissen wir, dass er Böhme sehr schätzte und nach einer Alternative zur calvinistischen Auffassung suchte. Böhme schreibt: „Spricht auch ein Kraut, Blume, Baum zum andern: du bist sauer und dunkel, ich mag nicht neben dir stehen? Haben sie nicht alle Eine Mutter, daraus sie wachsen? also auch alle Seelen aus Einer, alle Menschen aus Einem. Warum rühmen wir uns Kinder Gottes, so wir doch unverständiger sind als die Blumen und das Kraut auf dem Felde? Ist’s nicht auch also mit uns, dass Gott seine Weisheit in uns offenbaret? (…) Wir sollten uns vielmehr darüber erfreuen, und uns herzlich lieben, daß Gott seine Weisheit in uns so vielfältig offenbaret.“ (Theosophische Sendbriefe, 12, 36). Charles I. wurde dann übrigens von calvinistischen Puritanern hingerichtet.

Kurzum: Die Görlitzer können stolz sein auf diesen wertvollen geistigen Schatz, der in ihrer Stadt begraben liegt. Hier empfing Böhme seine Eingebungen, und sein Denken ist durchdrungen von dem brennenden Wunsch nach Frieden und der Überwindung von Gegensätzen. Es wäre zwar übertrieben, Böhme als "Blumenkind" zu bezeichnen, aber er hätte bestimmt nichts dagegen, wenn man seinem Denkmal einen sommerlichen Blumenkranz ums Haupt flechten und ihn im Geiste in die diesjährigen Festlichkeiten zum Görlitzer Altstadtfest 2017 mit einbinden würde.

Dr. Claudia Richter
Görlitz, im Juli 2017

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radioWissen: Mystiker und ihr Vermächtnis, auf Bayern 2. Der Mystiker Jacob Böhme: "Wenn alles sich zum Ganzen webt". Autor: Rolf Cantzen / Regie: Axel Wostry

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Günther Bonheim: ...Blüten der Erkenntnis

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Einige hilfreiche Gründe, warum man es sich mit dem Lesen von Böhmes Schriften nicht so schwer machen sollte

„Christus hat den dürstigen wasser des lebens zu trincken gegeben / der schuster aber leuffet alle morgen zum Brantte wein oder wasser des todes.“ (Gregor Richter, 1624) (1)

„Diß ist einmal gewiß / daß die Böhmische Schrifften / so / wie sie jetzo / aus Holland / eine Zeit hero / wie die Kröten aus einem Morast / wieder hervor gekrochen / nicht anders / als ein Mißbrauch heiliger Schrifft / Ausleschung ihres wahren und heilsamen Verstandes / und rechtes Ertzgifft der Seelen seyn [...].“ (Erasmus Francisci, 1685).(2)

„Wer Gottes Geist nicht hat / der ist auß Babel / diesen Satz führet Böhm gar viel in seinen Schrifften: Böhm hat Gottes Geist nicht / derowegen ist Böhm auß Babel.“ (Johann Frik, 1697) (3)

„Jacob Böhme hat sich steif und fest eingebildet, daß er eine Stimme gehört, einen Engel gesehen und gesprochen, und ist doch ein Phantast gewesen […]. Ein Phantast ist ein Mensch, der im Wachen einige seiner Einbildungen für Empfindungen hält, dergleichen der vorhin angeführte Jacob Böhme gewesen.“ (Georg Friedrich Meier, 1747) (4)

„Wie manch brauchbare Schuhe hätte Jacob Böhme verfertigen und der Corrector seiner Schriften ausbessern können, unterdessen daß der eine, um die Welt zu erleuchten, einen Quartanten schrieb und der andere diesen Unsinn zum Drucke beförderte! Wie gut wäre es für sie und für alle diejenigen gewesen, die an solchen unverdaulichen Dingen Geschmack finden, wenn sie insgesamt des Lesens und Schreibens ganz unerfahren gewesen wären.“ (Sebastian Georg Friedrich Mund, 1780) (5)

Da die Bücher, die Böhme las, „insgesammt in einem dunkelen bildlichen Style geschrieben sind, so strengte er sich außerordentlich an, sie zu verstehen, und zerrüttete daher seinen ohnehin schwachen Kopf noch mehr, so wie das damit verbundene Sitzen die Hypochondrie vermehrte, und seine Gesundheit schwächte. Er besaß, wie alle Leute dieser Art, eine lebhafte Einbildungskraft, und diese nahm in dem Grade zu, in welchem sein Nerven=System geschwächt wurde. Die bildliche Schreibart der Bücher, welche er las, ohne die nöthigen Vorerkenntnisse zu haben, erhitzte und zerrüttete sie noch mehr; daher es ein halbes Wunder gewesen sein würde, wenn er nicht Erscheinungen hätte haben sollen.“ (Johann Christoph Adelung, 1786) (6)

„In den philosophischen Schulen sollte die Jugend richtig denken und urtheilen lernen; sie lernt fantasiren. Die Logik wird verschrien, und der gesunde Menschen=Verstand in die Küche relegiret. Schwärmen soll der Jüngling, um sich zu den Göttern aufzuschwingen, das absolute Thier (Gott) von Angesicht zu Angesicht anzuschauen. Jakob Böhme, St. Martin und andere Tollhänsler dieser Art werden als die Corryphäen transzendentaler Weisheit angepriesen, und die Jugend genarret, indem man sie beredet, sie würde, wenn sie in die Fußstapfen solcher Lehrer trete, einen sechsten Sinn erlangen, um das zu sehen, was nicht ist, und nicht seyn kann.“ (Franz von Spaun, 1819) (7)

„Völlige Steinwüste […] ist die Sprache der alchymistischen, astrologischen und physiologischen Ansichten, die in ihrer Specialisirung ein unerträgliches Kopfzerbrechen durch Unverdaulichkeit, spitzfindige und eingebildete Spaltung der Bilder, unlöslichen abgeschmackten Widerspruch, durch fortwährende verstandtödtende Verwechselung des Bildes und Gedankens, durch Ineinanderwerfen verschiedener, Auseinanderhalten identischer Begriffe einen blühenden Unsinn zur Welt bringen, ein Styl, der mit Geduld zu überwinden oder blätterweise zu überschlagen ist, wenn man nicht einem völligen Ekel an Böhme’s ganzer Theosophie Preis gegeben sein will.“ (Hermann Adolph Fechner, 1857) (8)

„Wahrhaftig, einzig Eckhart hätte verdient, der philosophus Teutonicus zu heißen, nicht der interessante Schuster und unerträgliche Schwätzer Jacob Böhme.“ (Fritz Mauthner, 1910/11) (9)

„Die Untersuchung des Boehmeschen Mystizismus gewährt dem Psychologen ein ähnliches Interesse zur Erleuchtung normaler religiöser Sublimationen, wie dem pathologischen Anatomen das Studium der karikaturenhaften Verzerrung kranker Organe die Struktur der normalen verdeutlichen hilft.“ (Arthur Kielholz, 1919) (10)

„Wer sich etwa mit Jakob Böhme […] befaßt, wird sich von vornherein darauf einzustellen haben, bei diesem Theosophen keine klaren Termini im Sinne wohldefinierter Begriffs- und Beziehungsbedeutungsträger anzutreffen, sondern an entscheidenden Stellen allerhand  vielbesagende Bilder von dunkler, gewalttätig tiefgreifender Uneigentlichkeit sowie Begriffskontaminationen von merkwürdigem Anspielungsgehalt […]. Daß Philosophen, denen es auf begriffliche Schärfe und Klarheit von vornherein nicht ankam, auf Schritt und Tritt der Täuschung durch sprachliche Bilder, durch das nicht durchschaute Schwanken zwischen eigentlicher und metaphorischer Bedeutung der Termini unterliegen, ist nicht verwunderlich.“ (Friedrich Kainz, 1972) (11)

„Dabei hatte er [Philipp von Zesen] sich jene unheilvolle Vorstellung der Späthumanisten angeeignet, wonach Bedeutung mit dem Klang verbunden sei: die sogenannte Natursprachenlehre, die Jakob Böhme mit seiner krausen Fantastik verbreitet hatte.“ (Karl-Heinz Göttert, 2010) (12)

zu Vergnügen und Erbauung zusammengetragen von

Günther Bonheim


(1) Zitiert nach Jacob Böhme: APOLOGIA. Oder Schutzrede zu gebürlicher ablehnung / des schrecklichen pasquilles […]. In: Jacob Böhme: Die Urschriften. Zweiter Band. Hg. von Werner Buddecke. Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann, 1966, S. 273. Richters Text war aus dem Lateinischen übersetzt worden.

(2) Erasmus Francisci: Gegen=Stral der Morgenröte […]. Nürnberg: Wolfgang Moritz Endter, 1685, S. 759.

(3) Johann Frik: Gründliche Undersuchung Jacob Böhmens vornehmster Irrthümer […]. Ulm: Kraer, 1697, S. 191.

(4) Georg Friedrich Meier: Gedancken von Gespenstern. Halle: Hemmerde, 1747, S. 17.

(5) Sebastian Georg Friedrich Mund: Beweiß, daß es dem Volcke nützlich sei, betrogen zu werden, sowohl durch die Erhaltung der alten als durch die Beförderung neuer Irrthümer. In: Hans Adler (Hg.): Nützt es dem Volke, betrogen zu werden? Est-il utile au Peuple d’être trompé? Die Preisfrage der Preußischen Akademie für 1780. Teilband 2. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 2007, S. 819-865, hier: 841.

(6) Johann Christoph Adelung: Geschichte der menschlichen Narrheit […]. Zweyter Teil. Leipzig: Weygandsche Buchhandlung, 1786, S. 227f.)

(7) Franz von Spaun: Vom Wechsel und vom Wechselrechte. Eine Untersuchung der Frage: ob die Privilegien der Wechsel nothwendig und nützlich seyen. München, 1819, S. XXV.

(8) Hermann Adolph Fechner: Jakob Böhme. Sein Leben und seine Schriften, mit Benutzung handschriftlicher Quellen dargestellt. Görlitz: Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, 1857, S. 157f.

(9) Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Zweiter Band. Kategorisch – Zweck. Zürich: Diogenes, 1980, S. 127.

(10) Arthur Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie der Mystik. Leipzig und Wien: Deuticke, 1919, S. 83.

(11) Friedrich Kainz: Über die Sprachverführung des Denkens. Berlin: Duncker & Humblot, 1972, S. 136f.)

(12) Karl-Heinz Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache. Berlin: Ullstein, 2010, S. 181.

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