posthumes Böhme-Portrait um 1730

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Konzert: Jacob Böhme und die Musik. Von Gottes Saitenspiel in seiner Liebe

Der Jacob-Böhme-Bund Görlitz 1921

Zu den Titelkupfern auf dieser Homepage

Projekt einer Kritischen Edition der Werke Böhmes

Bestandsaufnahme und Dokumentation des Linzer Jacob Böhme-Archivs


Jacob Böhme und die Musik. Von Gottes Saitenspiel in seiner Liebe.

Von Tobias Schlosser

 

Jacob Böhme und die MusikAm Freitag, den 28.07.2017 und Sonntag, den 30.07.2017 veranstaltete die Internationale Jacob-Böhme-Gesellschaft e.V. gleich zwei gut besuchte Barockkonzerte mit Lesung in Görlitz.  Die Initiative zu diesen Konzerten ging von Dr. Thomas Regehly (Präsident der IJBG) aus. Das erste Konzert fand im Vino e Cultua am Untermarkt statt, das zweite in der Dreifaltigkeitskirche. Gefördert wurden beide Veranstaltungen durch die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG) und die Stadt Görlitz, vertreten durch Herrn Dr. Wieler, denen wir herzlich für ihre Unterstützung danken. Das Konzert in der Dreifaltigkeitskirche fand in Kooperation mit der Evangelischen Innenstadtgemeinde Görlitz statt: ihr - namentlich Herrn Pfr. Dr. Pietz und Frau Lammert - gilt unser besonderer Dank für die gelungene Zusammenarbeit, die uns hoffnungs-voll in die Zukunft blicken lässt.

Als Musiker wirkten Ulrike Scheytt, die auch die musikalische Leitung übernahm, Eva Scheytt, Mira Walerych-Szary und Leon Szostakowski. Präsentiert wurden barocke Werke aus der Zeit, in der Böhme lebte und wirkte, von Italien über Deutschland und Holland bis nach England: Dietrich Buxtehude, Samuel Friedrich Capricornus, Dario Castello, John Dowland, Tarquinio Merula, Jan Pieters Sweelink, Johann Valentin Rathgeber, Johann Rosenmüller, und Johann Sebastian Bach. Im Vino e Cultura bot sich an, den Flügel vor Ort miteinzubeziehen und noch ein Stück von Robert Schumann ins Programm zu nehmen, sodass das 19. Jahrhundert, auf das Jacob Böhme eine große Wirkung ausübte, auch in der MusiJacob Böhme und die Musikk repräsentiert war.

Der in Görlitz lebende Schauspieler und Böhme-Freund Moritz Manuel Michel verlas ausgewählte Textpassagen, vornehmlich von Jacob Böhme, die zum Thema haben, dass Gottes Geschöpfe als seine Instrumente wirken. Verknüpft wurden Böhmes musikalische Metaphern über den menschlichen Geist mit Auszügen aus Hildegard von Bingen und Gotthilf Heinrich von Schubert, in denen verwandte Gedanken anklingen.

Als Organisatorin ist es Dr. Claudia Richter gelungen, gleich zwei einmalige Konzerte umzusetzen, die zwar das gleiche Thema, dennoch eine unterschiedliche Zusammensetzung an Stücken und Texten umfassten. Diese mutige Auswahl honorierten viele Besucher, die sowohl am Freitag und als auch am Sonntag beide Barockkonzerte besuchten und voll des Lobes waren.

Großen Anklang fanden auch die Plakate und Handzettel, die von Frau Dr. Richter in Zusammenarbeit mit Gabriele Melzer-Heinicke von der Magnet Werbeagentur entworfen und umgesetzt wurden. Auch der Agentur gilt unser herzlicher Dank für die unkomplizierte und erfreuliche Zusammenarbeit. Die Plakate können weiterhin für 5.- Euro über die Gesellschaft bezogen werden.

Unser besonderer Dank gilt den Künstlerinnen und Künstlern, insbesondere Ulrike Scheytt, die es uns ermöglichten, Jacob Böhme in einem neuen Kontext zu präsentieren und seinen Geist im 21. Jahrhundert in einer unmittelbar zugänglichen Weise wieder aufleben zu lassen.

Die Gesellschaft hatte bei der Planung des Konzerts "Jacob Böhme und die Musik" am 30. Juli die Bestimmung des traditionsreichen Gebäudes der Dreifaltigkeitskirche im Blick, wo mit Unterstützung der Evangelischen Kirche, der Stadt Görlitz, des Landes Sachsen und des Bundes das zukünftige Jacob-Böhme-Zentrum realisiert werden soll.

 

Jacob Böhme und die Musik

Von links nach rechts: Moritz Manuel Michel, Ulrike Scheytt, Mira Walerych-Szary, Eva Scheytt  und Leon Szostakowski

 

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Organisation zur Umwandlung des Kinos:

Der Jakob-Böhme-Bund

„Jakob-Böhme-Bund? Ein theosophischer Cercle? Eine Vereinigung, Gedanken dieses großen Mystikers pflegend und verbreitend? Eine Erneuerung der inneren Lebensziele Endzweck, Befruchtung empfangsbereiter Seelen Programm? Vorträge, Vorlesungen, Debatten, Flugschriften?“

(H.R. Zimmermann in Die Säule,1921)

Heute findet sich in der Chronik des Kunstvereins noch als kurze, geschichtliche Zäsur: “1920-1924 Jakob-Böhme-Bund im Kunstverein“. In dieser Zeit bildete der Jakob-Böhme-Bund eine eigene Sektion innerhalb des Lausitzischen Kunstvereins.

Die Spurensuche beginnt im Kaisertrutz auf der 3. Etage in der dortigen Gemäldeausstellung. Es steht dort auf einer Tafel geschrieben:

"Joseph Anton Schneiderfranken kam als Übersetzer für griechische Kriegsgefangene während des Ersten Weltkrieges nach Görlitz. Durch seine Gemälde und philosophischen Schriften wurde er hier als Ideengeber des Expressionismus wichtig. Sein unter anderem von Jacob Böhme beeinflusstes schriftstellerisches Werk veröffentlichte er unter dem Pseudonym Bô Yin Râ."

Grab von Jacob Böhme in Görlitz

 

Auf einer weiteren Tafel ist zu lesen:

„Der Kunstverein für die Lausitz und der 1920 gegründete Jacob-Böhme-Bund veranstalteten in Görlitz regelmäßig Ausstellungen expressionistischer Maler. Joseph Anton Schneiderfranken war als charismatischer Maler und Schriftsteller unter dem Pseudonym Bô Yin Râ ein wichtiger Ideengeber.“


(Abb.1: Das Grab Jacob Böhmes auf dem Nicolaifriedhof in Görlitz)


Man könnte das für den Anfang eines mehr und mehr in Vergessenheit geratenen und verblassenden Märchens halten, in dem sich Wahrheit und Legende mischen, wenn der Besuch der dortigen Gemäldeausstellung nicht so deutlich zum Ausdruck bringen würde, welche Vitalität damals von dem Jakob-Böhme Bund ausgegangen sein muss, auch wenn das Museum nur einen kleinen Bruchteil der damals geschaffenen Werke auszustellen vermag.

Man muss sich vorstellen, dass es in den 20er Jahren wegen der Strahlkraft des Bundes zu einem verstärkten Zuzug von Künstlern in die Lausitz kam, was zu einer Verschiebung des Schwerpunktes der Arbeit des Kunstvereins von der Präsentation allgemeiner deutscher Kunst hin zur Förderung des Lausitzer Kunstschaffens führte. Görlitz wurde in dieser Zeit zu Recht in einem Atemzug mit den großen Kunstmetropolen Deutschlands genannt. Der Jakob-Böhme-Bund war die erste Künstlerkooperation, die bewusst mystischem Erleben Ausdruck verleihen wollte oder wie es 1921 in der Zeitschrift „Der Arafat“[2] formuliert wird: "Wesen des Bundes ist, die Beziehungen zwischen Kunst und Mystik zu finden und den Geist des Metaphysikers Jakob Böhme in die heutige Zeit zu projizieren." Im gleichen Artikel wird weiter ausgeführt: “Der Bund macht es sich zur Aufgabe, für wesentliche neue Kunst zu kämpfen. Seine erste Tat war eine Ausstellung mit radikalen Werken, unter denen die von Josef Schneiderfranken und Fritz Neumann-Hegenberg (den Vorsitzenden des Vereins) besonders hervorragten. Im Rahmen der Ausstellung fanden zwei Vorträge statt: einer von Neumann-Hegenberg über Neue Malerei  und einer von H.H. Stuckenschmidt über Das Problem der neuen Musik. Geplant sind ferner literarische Vorlesungen und Konzerte.“ 

Joseph-Anton Schneiderfranken

Versuchen wir, uns an die Anfänge zu begeben. Die Görlitzer Zeit von Joseph Anton Schneiderfranken, dem damaligen Vorsitzenden des Kunstvereines, der übrigens selbst nicht, wie es oft heißt, unter dem Pseudonym Bô Yin Râ schrieb, sondern mit diesen drei Silben seinen geistigen Namen zum Ausdruck brachte, wird von seinem Biographen Rudolf Schott in “B.Y.R. - Leben und Werk“[3] wie folgt beschrieben:

"In der zweiten Hälfte des ersten Weltkrieges verschlug ihn ein Befehl der Militärbehörden erst kurz nach Königsberg und von dort nach der Stadt Görlitz in der Oberlausitz, wo griechische Truppen interniert lagen. Ihm war die Aufgabe übertragen worden, als Dolmetscher zu dienen, da er von seinem griechischen Aufenthalt her die neugriechische Sprache verstehen und sprechen konnte. Abgesehen von dieser Funktion, die ihm Freude bereitete, da er den Griechen sehr zugetan war, eröffnete sich ihm gerade in diesem  Weltwinkel ein reiches Arbeitsfeld. 

(Abb.2: Joseph Anton Schneiderfranken) 

Er griff wirkend und leitend in die Kunstfragen jener Provinz ein und gab einer von ihm 1920 ins Leben gerufenen Vereinigung junger Künstler den Namen des großen Jakob Böhme, der ja im Jahr 1575 zu Alt-Seidenberg, einem Flecken in der Nähe von Görlitz, geboren wurde. B.Y.R. hat in seinem Aufsatz über Böhme, der in das Buch "Wegweiser" aufgenommen worden ist, sehr wichtige und wesentliche Dinge über den Philosophus Teutonicus gesagt, die erst begreiflich machen, wie Böhme zu seinen Erkenntnissen der Geisteswelt gekommen ist."

 

Der Jakob-Böhme-Bund war keine expressionistische oder sonstige zeitgenössische Kunstbewegung, sondern wollte dem geistig Wertvollen in allen denkbaren Kunstrichtungen Ausdruck verleihen, eine Kunst, die Schneiderfranken übergreifend als Sakralkunst bezeichnet. Es folgt ein Zitat aus dem Text „Der Jakob-Böhme-Bund“ von Joseph Anton Schneiderfranken selbst, der in der Zeitschrift “Kunst – Wissen – Leben“[4] im Jahr 1921 erschien:

„Der Jakob-Böhme-Bund wurde im Juni vorigen Jahres gegründet, von einigen hier wirkenden Künstlern, denen es eine würdige Aufgabe zu sein schien, aus den oft fragwürdigen Versuchen modernster Kunstübung herauszugelangen, die sich alle gemeinsam vor die Erkenntnis gestellt sahen, daß das Gute der neueren Kunstbestrebungen nur dann zur allmähligen Auswirkung gelangen könne, wenn sich die derart strebenden Künstler bewußt Bild aus dem Zyklus in den Dienst der Seele stellen würden, wenn sie bewußt einer Art Sakralkunst zustreben wollten.

Man war sich von vornherein darüber klar, daß man wohl ein solch hohes Ziel brauche, daß es aber der hingebendsten Arbeit mancher Jahre erst vorbehalten sein könne, dieses Ziel auch zu erreichen! –

 

(Abb. 3: Bild aus dem Zyklus "Welten" von B.Y.R.)


Da die Arbeit dieser kommenden Jahre aber fruchtlos werden müßte, geschähe sie sozusagen „hinter dem Rücken des Publikums“: so ergab es sich von selbst, daß jährliche Ausstellungen in Görlitz und in den wichtigeren deutschen Kunstzentren beschlossen wurden, auch um zu zeigen, daß Görlitz in der Reihe der deutschen Städte, in denen neuere künstlerische Bestrebungen am Werke sind, durchaus nicht die letzte Stelle einzunehmen gesonnen sei. –              


Da jegliche Kunstübung ihren tiefsten, tragenden Grund in einer Lebensauffassung, einer Weltanschauung findet, und da die hier vereinigten Künstler, ihrer Mehrzahl nach einer Naturmystik nahestanden, die in Jakob Böhme ihren hohen klassischen Vertreter hat, da überdies Görlitz die Stätte des Lebens und Wirkens dieses erst neuerdings wieder in seiner tiefen Bedeutung erkannten Seelenkünders war, so wählte man den Namen dieses großen Görlitzers als Symbol für das hier vorliegende künstlerische Streben.

Kein Geringerer als Hans Thoma bezeugte diesem Streben regste Sympathie. – Er schreibt: „Wenn ich in Görlitz wohnte, so würde ich gewiß dem Bunde als Mitglied beitreten.“ und zeigt tiefstes Verstehen für seine Ziele. –
Würde Max Klinger heute noch leben, so wäre er der erste, der sich für das hohe Ziel des Görlitzer Jakob-Böhme-Bundes eingesetzt hätte, denn er sah eine neue Sakralkunst herauskommen aus allem Chaos moderner Bestrebungen und wußte auch gar wohl, daß die Wegstationen zu solcher Kunst noch nicht gleich auf der Höhe des Zieles angelangt sein können. –

Es fehlt überdies dem Bunde auch nicht an Sympathiebezeigungen aus anderen künstlerischen Kreisen, und nicht nur aus Kreisen der bildenden Kunst, ja es hat den Anschein, als wolle der Jakob-Böhme-Bund in Görlitz mit der Zeit zu einer Sammelstätte werden für künstlerisch produktive Menschen aus allen Teilen Deutschlands, ...“

Joseph-Anton Schneiderfranken Wohnung Goethestr. 55

In dem Band "Nachlese 2"[5] finden wir seine erste Eröffnungsrede als Vorsitzender  des Kunstvereines zu einer Einzelausstellung. In dieser Rede ist der Ansatz des Jakob-Böhme-Bundes als zeitlos und weiterhin hochaktuell zu verstehen. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Ausdrucksformen ist ein wesentlicher Aspekt für die Vielfalt der Görlitzer Kunstszene zu dieser Zeit.

 

 

 

(Abb. 4: Joseph-Anton Schneiderfranken

bewohnte den 1. Stock in der Goethestraße 55)

Eröffnung Kunstausstellung

         (Abb. 5: Ausschnitt Ausstellungseröffnung Merseburg)

"Der Kunstverein hat sich unter meiner Leitung die Aufgabe gestellt, an möglichst markanten Beispielen zu zeigen, wie das wirklich Wertvolle in der Kunst ganz unabhängig ist von der jeweiligen Richtung, zu der man den oder jenen Künstler zählen mag. Es ist nicht gerade überflüssig, dies immer wieder zu betonen, denn in manchen Kreisen herrscht immer noch die Auffassung, eine Ausstellungsleitung müsse sich zu dieser oder jener ‹Richtung› bekennen und könne darum den anderen Richtungen ‹nicht gerecht› werden.

Wir sind weit von dieser Auffassung entfernt!

Wir wollen allein der Kunst eine Gasse bereiten, wo wir sie auch finden, und wir finden in jeder Richtung echte und wahrhafte Kunst, wie wir in jeder Richtung auch allerlei Scheinkunst abzulehnen haben.

Der Künstler, dem die heute zu eröffnende Ausstellung gilt, wird Ihnen in schönster Weise wieder zeigen was wir unter Kunst verstehen, und dass wir durchaus nicht nur etwa dem «Expressionismus» das Wort reden wollen, auch wenn wir in dieser Kunstrichtung besonders hohe und zukunftsreiche Werte im Entstehen sehen, Werte, die wir auf jede Weise ans Licht zu ziehen suchen.

Ich möchte hier nur noch sagen, dass ich den Wunsch hege, den Kunstverein in dieser Stadt zu einer Instanz zu machen, der das Laienpublikum bei seinen Ankäufen und Kunstbesichtigungen absolut vertrauen kann.

Man kann oder will es nicht begreifen, dass einer guten und ihres Urteils sicheren Ausstellungsleitung ganz und gar nichts daran liegt, aus welcher «Schule» die Künstler kommen, die sie werten soll, oder welcher «Richtung» sie vielleicht zugezählt werden könnten. –"

Im letzte Abschnitt aus der Zeitschrift “Kunst – Wissen – Leben“ geht er auf den Begriff der „Sakralkunst“ genauer ein:

„Diese kurzen Darlegungen sollen nicht beendet werden, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Endziele des Jakob-Böhme-Bundes an sich recht wenig mit dem vielmißbrauchten Schlagwort: „Expressionismus“ zu tun haben. Kein intensiv Schaffender kann sich zwar auf die Dauer den geistigen Strömungen seiner Zeit gänzlich entziehen, und persönliche Neigung mag das noch besonders betonen, aber höchstes Ziel der Glieder dieses Bundes bleibt es allein, und wie schon mehrfach betont, daß eine hohe Sakralkunst erstehe aus all den fragmentarischen Kunstbestrebungen unserer Tage, eine wesentlich deutsche Kunst, die vielleicht in den Miniaturisten alter Bilderhandschriften ihre frühesten Ahnen hat, und die würdig ist der tiefen Innenschau, aus der einst der Görlitzer Seher Jakob Böhme seine inbrünstig frommen Gesichte schöpfte und zu Worte werden ließ.“

Und noch eine letzte Aussage von B.Y.R. in diesem Kontext aus dem Buch Nachlese  2:

"Was das Buch für das Denken bedeutet das ist der sichtbare Gegenstand, wenn er von Kunst, Geschmack und handwerklicher Tüchtigkeit zeugt, für das Gemüt. –

Aus dem Gefühl heraus aber muss die Kraft zur Wiederaufrichtung unsres Volkes kommen. Das Denken geht irre Wege, wenn es nicht durch das Gefühl in gesunde Bahnen geleitet wird. –

Was wir heute alle beklagen, ist nicht zum wenigsten die Frucht irregeleiteten Denkens, die Folge davon, dass man das Volk systematisch daran gewöhnte, zu glauben, alles Gute müsse sich erdenken lassen, dass man Kopfmenschen, Gehirnmenschen erzog, aber keine Menschen, die sehen können und durch Sehen zu lernen wissen. –"

Sein Biograph Rudolf Schott schrieb in “B.Y.R. - Leben und Werk“ (1954):

"Wenn BYR in seinem Buch über die Kunst schreiben konnte: "Seht, das ist die Welt, die unsere Besten ahnen!" (Das Reich der Kunst, Seite 20), so bezieht sich das zwar hautsächlich auf die alten Meister, aber doch auch ist es Ausspruch einer Hoffnung auf die kommende Kunst, da er eine Erneuerung des Angesichts der Erde in Aussicht stellt und die ersten Strahlungen des Geistes als Vorläufer solcher Erneuerung bereits allenthalben wahrnimmt.“

Mehr über den Geist der damaligen Bewegung, genauen und detaillierten Aufschluss von B.Y.R.`s Kunstauffassung, die Rückschlüsse auf die damalige Konzeption des Jakob-Böhme-Bundes unschwer erkennen lassen, sind u.a. in seinem Buch "Das Reich der Kunst"[6] und „Aus meiner Malerwerkstatt“[7] zu finden.

Der 1920 erschienene Essay “Der Mythos der Persönlichkeit“[8] des Berliners H.R. Zimmermann in der Zeitschrift „Die Säule“ zur ersten Gruppenausstellung des Jakob-Böhme-Bundes folgert:

„Da der Mythos der Persönlichkeit alles göttliche, das in uns ist, in sich begreift, da das innere Geschehen bei der Menschwerdung, von dem die Kunst Schatten ist, sich nach Gesetzen vollzieht, die ins Kosmische gewandt, die großen Mystiker zu finden, zu erforschen und zu lehren bestrebt waren, ist es nicht verfehlt, eine künstlerische Vereinigung nach einem dieser Mystiker, dem heimischen zudem, zu benennen, die nicht Marktware schaffen, die nur seelisches Wachstum aufzeigen will.“

In dem Text finden sich neben Schneiderfranken und Fritz-Neumann- Hegenberg u.a. Namen wie Walter Raues, W. Schmidt, Deckwarth, Lafeldt, Weikert und A. Haupt. Der Artikel endet:

„Persönlichkeit ist Fundament. Ohne sie schweift das Leben, Zufall und Schwäche preiszugeben, nutzlos über die Erde. Ohne sie beliebt Kunst nur das, wozu sie der Steuerfiskus stempeln möchte: Luxus. Die Kunst, die der Jakob- Böhme-Bund ausstellt, ist, mit wenigen Ausnahmen, Bedürfnis. Für alle die, die in der Persönlichkeit, der Kunst, Steige für unüberwindlich erscheinende Strecken ihres eigenen inneren Entwicklungsweges suchen. Ihrer sind noch wenige; die Not der Welt wird auch ihre Zahl erhöhen, wird neue Herzen in die reinen Sphären heben, aus denen allein uns Erlösung winkt.“

Die Jahre, die sich BYR zum Aufgehen einer ersten Blüte zu einer wahren Sakralkunst wünschte, sollte dem Jakob-Böhme-Bund leider nicht vergönnt sein. Aus politischen Gründen emigrierte Joseph Anton Schneiderfranken 1923 in die Schweiz und am 1. August 1924 verstarb Neumann-Hegenberg im Alter von 40 Jahren an Schwindsucht, so dass schon 1924 das einzigartige Projekt des Bundes als eigenständige Sektion im Kunstverein beendet wurde.

Auf unserem Gang durch die Gemäldeausstellung erreichen wir die Gegenwart und finden eine letzte Tafel:

"Heute hat Görlitz an der Kunst der Gegenwart eher einen rezipierenden als einen produzierenden Anteil. Nur wenige Künstler können dauerhaft in der Stadt arbeiten, da Galerien und ein lokales Sammlerpublikum weitgehend fehlen und der globale Kunstmarkt kleinere Städte kaum beachtet."

J.A. Schneiderfranken, Torbogen im Winter, 1918

 

Es gibt in Bezug auf Jakob Böhme glücklicherweise gegenwärtig einige geschichtlich und geisteswissenschaftlich rezipierende Initiativen in Görlitz. Als Philo-Theo-Soph bzw. Mystiker ist Böhme jedoch ein Inspirator für alle Wissenschaften und Künste. Es ist zu vermuten, dass Bô Yin Râ den Jakob- Böhme-Bund damals als wichtige und sinnvolle Erweiterung des Kunstvereins gesehen hat. Der Kunstverein verkörperte das Denken und der Jakob-Böhme-Bund das Gefühl ("Fehlt das Gefühl, ist das Denken fehlgeleitet..." bzw. sonst wird es unlebhaft.), und Schneiderfranken wollte in Görlitz eine künstlerische Brücke schaffen, sich der Quelle Böhmes auch von der Empfindungskraft her zu nähern und diesem schöpferischen Prozess Raum zu öffnen und Ausdruck zu verleihen.

(Abb. 6: "Torbogen im Winter" um 1918 von J.A. Schneiderfranken, ausgestellt in der Kaisertrutz, Görlitz)

Das Kulturleben ist ein wichtiger Faktor für die Gesellschaft. In seiner Zeitlosigkeit geht nach wie vor von der Idee des Jakob-Böhme-Bundes eine große Faszination aus. In Angesicht der Tatsache, dass sich das Jubiläum der Gründung des Bundes im Jahr 2020 zum hundertsten mal jährt, sollte man überlegen, die Idee des Bundes, zumindest für eine begrenzte Zeit, wieder aufzunehmen. Gerade im Kontext der nahenden Jakob-Böhme-Ausstellung, die im August dieses Jahres unter dem Titel „Alles in Allem“ in Dresden beginnt und dann durch verschiedene große Städte Europas reisen wird, ehe sie etwa im Jahr 2020 in der Dreifaltigkeitskirche in Görlitz als Dauerausstellung fest verankert sein wird. Eine potentielle Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes zeitgleich zu dieser Dauerausstellung könnte das Spektrum entscheidend erweitern und würde die Auseinandersetzung mit Jakob Böhme, auch aus touristischer Sicht, wesentlich bereichern, dem Zuschauer nahe bringen und fühlbar veranschaulichen. Denn die künstlerischen Ausdrucksformen der Bildenden Kunst wurden in der Zwischenzeit z.B. durch Film oder Performance erweitert, und es wäre sehr spannend, wie sich das Feld von Böhmes Mystik über die klassischen Disziplinen hinaus auch auf diese neuen künstlerischen Medien auswirken würde. Um sich Böhme annähern zu können, braucht es eine Kraft, die ihre Wurzeln im Fühlen und in der Empfindungskraft hat. Nur daraus kann sich eine lebendige Kultur und Kunst entwickeln. Der Jakob-Böhme-Bund würde zudem in Görlitz einen hervorragenden Rahmen bilden, in dem zeitgenössische Kunst aus Deutschland und Polen aufeinandertreffen und sich verbinden könnte, da Böhme in beiden Ländern, insbesondere bei deren Künstlern, seine Verehrer findet.


Die Organisation zur Umwandlung des Kinos bedankt sich für Recherche, Fotos und Gestaltung: Andreas Hase, Hauke Gerdes, Andreas Gauger, Hans Glossmann, Winfried Knappe, Heiko Krämer, Ronald Steckel und Klaus Weingarten.


Freigegeben durch die "Organisation zur Umwandlung des Kinos".

Anmerkungen:


[1] Der Mythos der Persönlichkeit - Zur Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes in Görlitz aus Die Säule, Zeitschrift für geistige Lebensgestaltung, Jahrgang 1921, Seite 180-184, Hummel Verlag, Leipzig

[2] Der Arafat - Glossen, Skizzen und Notizen zur neuen Kunst Vol. 2 No. 6 Seite 199, Goltzverlag, München.

[3] Rudolf Schott: Bô Yin Râ: Leben und Werk, Seite 40, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Bern, 1954

[4] Der Jakob-Böhme-Bund von Joseph Schneiderfranken in Kunst  - Wissen - Leben, Jahrgang 1921, Beilage zur Rheinisch-Westfälischen Zeitung, Ausgabe und Seitenzahl nicht bekannt, Originaltext als Kopie vorliegend.

[5] Nachlese 2 - Gesammelte Texte aus Zeitungen von Bô Yin Râ, die in irgendeiner Form bereits einmal im Druck erschienen sind., Seite 37 f.: Eröffnungsansprache anläßlich der Kunstausstellung von Otto Wilhelm Merseburg, dort findet sich auch ein zweiter Text zur Thematik: Eröffnung der Kunstausstellung Neumann-Hegenberg, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Bern, 1990

[6] Bô Yin Râ Das Reich der Kunst - Ein Vademekum für Kunstfreunde und Bildende Künstler, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1933

[7] Bô Yin Râ Aus meiner Malerwerkstatt, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1932

[8] Der Mythos der Persönlichkeit - Zur Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes in Görlitz aus Die Säule, Zeitschrift für geistige Lebensgestaltung, Jahrgang 1921, Seite 180-184, Hummel Verlag, Leipzig

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Zu den Titelbildern (Kupferstichen) auf dieser Webseite

Zu Lebzeiten Böhmes gab es noch keine Titelkupfer zu seinen Werken, von denen fast alle posthum in Druck erschienen sind. Die hier verwendeten Titelkupfer stammen aus der Ausgabe der Werke Böhmes von 1682.

Die große, von Johann Wilhem Überfeld besorgte Ausgabe der Schriften Böhmes von 1730, die bis heute verwendet wird, enthielt zunächst keine Titelkupfer. Dies verwundert angesichts der für damalige Verhältnisse vorbildlichen Vollständigkeit einer Werkedition. Erst nachträglich bringen die Herausgeber 1731 ersatzweise eine…:

„Andeutung oder Erklärung der Titel-Figuren und Kupfer, welche des hocherleuchteten Jacob Böhmens Schriften holländischer Edition beygefügt sind, und nunmehro auch bey dieser gegenwärtigen neuen Auflage den Liebhabern derselben mitgetheilt werden.“ 

Über die uns seltsam anmutende Entscheidung, zwar die „Erklärung“ der Titelbilder zu edieren, nicht jedoch die bildlichen Figuren selbst, rechtfertigen sich in der Ausgabe von 1730 die Herausgeber darüber mit folgenden Worten:

„Nachdem diese verbesserte und vermehrte Edition (von 1730 – TI) aller Schriften des seligen Jacob Böhmens völlig ausgefertiget war  / bedauerten viele / daß die Kupfer, welche bey dem Amsterdamer Druck von Anno 1682 verschiedenen Tractaten vorangefüget worden / dißmal wegbleiben sollten, und meinten / daß der Vollständigkeit dieser neuen Auflage auf solche Weise etwas abginge. Ob nun gleich bereits in der Erinnerung / die gegenwärtiger Edition vorgesetzt (…), was es mit diesen Kupfern vor eine Bewandniß habe / und solches ein ieder, der diese Schriften lesen will / wohl erwegen mag; so hat doch endlich ein andrer Freund erachtet / es würde von denen / die wieder (= gegen – TI) diese Kupfer sind, nicht so arg gedeutet werden können / wenn man bey sothaner Warnung den Liebhabern / welche die fremden Kupfer dennoch darbey zu haben wünschten / zu Willen wäre. Wie nun selbige ihnen hiermit zugleich übergeben werden; als die zum wenigsten als eine Zierde dieser Schriften seyn können / ob sie schon nicht von des Autoris Geist herstammen sollten; so hat man diese Figuren nicht weniger auch mit den Erklärungen  / welche dort von den Erfindern über iedes Kupfer gemacht und gleich beygefüget worden / anbei noch versehen / iedoch aber alle lieber alhier zusammen drucken lassen wollen: und mögen diese Blätter nach Belieben entweder bald nach dem Haupt=Titel vorangesetzt / oder aber hinten an das dreyfache Register mit angebunden werden. Solchergestalt wird dann nunmehro niemand wegen der noch hinzugethanen schönen Kupfer=Stiche sagen können, daß gegenwärtige Edition dißfalls mangelhaft sey. Ich wünsche aber darbey auch herzlich / daß ieder einen rechten Gebrauch davon machen möge.“

Dieser Erklärung zufolge läge um 1730 nicht etwa ein finanzielles oder technisches Hindernis vor, diese hochartifiziellen und in ihrer Art wohl einmaligen Titelfiguren zu verwenden, sondern ein inhaltliches Bedenken: Ihre bildliche Aussage könnte den Worten Böhmes nicht entsprechen. Obwohl in der Geschichte der Buchillustrationen stets der Vorbehalt bekannt ist, dass Illustrationen und ihre textuelle Vorlage nie die gleichen Aussagen treffen, ist in diesem Fall offensichtlich die Reserve gegen die Titelfiguren erheblicher. Der Entscheidung, sie wegzulassen, könnten Debatten um die prinzipielle Abbildbarkeit von Böhmes Texten vorangegangen sein. Immerhin handelt es sich bei Böhmes Texten, so der zeitgenössische Titel der Werke, um „Alle Göttlichen Schriften“ des als „hocherleuchtet“ geltenden Jacob Böhme.

Ein anderer Grund hat mit inhaltlichen Überlegungen nichts zu tun. Zwischen Michael Andreae, dem mutmaßlichen Schöpfer der Kupferstiche, und Johann Georg Gichtel, einem der Herausgeber der Ausgabe von 1682, war es nach dieser Edition zum Bruch gekommen. Andreae wurde für ihn zur Unperson, die er auch für den mit Gichtel befreundeten Johann Wilhelm Überfeld, den Herausgeber der Ausgabe von 1730/31, zeitlebens blieb. Noch 10 Jahre nach dessen Tod im Jahr 1720 war Überfelds Aversion gegen Andreae „...so groß, daß dessen Illustrationen bei der Neuauflage von Böhmes gesammelten Werken unter dem Titel Theosophia revelata (1730) nur mit knapper Not beibehalten wurden. Die alten Platten, die zu Huygens' Zeit in einer Kiste unter den Auroren lagen, wurden schließlich doch nachgestochen und ein Jahr später (1731) erschienen die Stiche in einem Ergänzungsband unter dem Titel Andeutung oder Erklärung der Titul-Figuren [...]. Es ist jedoch nicht unmöglich, daß dies gegen den Willen Überfelds geschah, der am 19. Juli desselben Jahres starb." (Frank van Lamoen: „Der unbekannte Illustrator: Michael Andreae“. In: Theodor Harmsen (Hg.): Jacob Böhmes Weg in die Welt. Amsterdam: In de Pelikaan, 2007, S. 259. Dort finden sich zahlreiche Abbildungen zu Böhmes Werken).

Dieser Zusammenhang kann hier nur angedeutet werden. Der kunsthistorischen Forschung eröffnet sich hinsichtlich der Böhme-Illustrationen noch ein interessantes Feld.

Zur Zeit wird von uns projektiert, eine Ausstellung aller Titelkupfer der Ausgabe von 1682 (1730), dann freilich in vergrößerter Form, in Görlitz zu organisieren.


Günther Bonheim / Thomas Isermann

Abbildungen der Titelfiguren zu Böhmes Werken auch in:

Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730 in 11 Bänden. Begonnen von August Faust, neu herausgegeben von Will-Erich Peuckert. Stuttgart 1942 – 1961. In dieser Faksimile-Edition wurden die Titelfiguren von 1682 mit aufgenommen. Diese Ausgabe ist die nach wie vor immer noch maßgebliche Gesamtausgabe der Schriften Böhmes.
 
Zahlreiche Abbildungen, Bilder und Portraits hat uns für diese Homepage die Oberlausitzische Bibliothek Görlitz dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

 

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Bestandsaufnahme und Dokumentation des Linzer Jacob Böhme-Archivs

 
Das auf insgesamt drei Jahre – vom 1. Juli 2001 bis zum 30. Juni 2004 – angelegte Projekt „Bestandsaufnahme und Dokumentation des Linzer Jacob Böhme-Archivs“ wurde von der Biblioteca Philosophica Hermetica, Amsterdam (BPH) und der Internationalen Jacob Böhme-Gesellschaft, Görlitz (IJBG) gemeinsam getragen.


Gegenstand dieses Projekts war das sogenannte Linzer Jacob Böhme-Archiv, eine ausgedehnte, heute auf insgesamt vier Standorte verteilte Sammlung von handschriftlichen und gedruckten Dokumenten aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Den Grundstock dieses Archivs bildeten die vom ersten Böhme-Verleger Abraham van Beyerland bereits ab den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts gesammelten Böhme-Handschriften und frühen Böhme-Abschriften, ein Bestand, der sich in den folgenden Jahrhunderten kontinuierlich um weitere Dokumente, vor allem um eine umfangreiche Korrespondenz der „Engels-Brüder und -Schwestern“, einer an den Vorgaben Johann Georg Gichtels und Johann Wilhelm Überfelds orientierten radikalpietistischen Gemeinschaft, vermehrte. Im Verlauf seiner Geschichte wurde das Archiv mehrmals verlagert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand es sich in Linz am Rhein. Dort wurde es im Jahr 1941 von der Gestapo beschlagnahmt und nach Berlin gebracht, wo man es provisorisch verzeichnete. Gegen Kriegsende und in der Nachkriegszeit gelangte es schließlich an seine heutigen Standorte: Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften (OLB) Görlitz, HAB Wolfenbüttel, UB Breslau und BPH Amsterdam.

Ziel des Projekts, das unter der Leitung von Dr. Carlos Gilly (Basel/Amsterdam) durchgeführt wurde, war die wissenschaftliche Erschließung des Archivs, das heißt zum einen die genaue bibliographische Erfassung des Bestandes, wie er vor 1941 in Linz noch geschlossen beisammen war, und zum anderen die Dokumentation der Geschichte des Bestandes, worunter vor allem die Beschreibung der Geschichte der Böhme-Handschriften als der zentralen Bestandteile des Archivs von ihrer Ankunft in Holland bis zu ihrer Aufnahme in die Bibliotheken Wolfenbüttel und Breslau zu verstehen ist.

Gleichsam ein erfreuliches Nebenprodukt der archivarischen/bibliothekarischen Arbeit war die Entdeckung einiger unbekannter frühneuzeitlicher Handschriften. Unter ihnen ragen zwei Einzelstücke hervor: Bei dem ersten handelt es sich um eine frühe, noch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammende Abschrift zweier Böhme-Briefe. Die Entdeckung wurde als „Exponat des Monats“ im Oktober 2002 im Barockhaus Neißstr. 30 vorgestellt. Mit ihm verfügt die Stadt Görlitz nun über ein frühes Manuskript von Böhme-Schriften. Beim zweiten handelt es sich um ein aus insgesamt 72 Blättern bestehendes fragmentarisches Manuskript mit Abschriften von bislang unbekannten Briefen Abraham von Franckenbergs (1593-1652), eines der ersten Böhme-Biographen und Verfassers religiöser Traktate. Die Zahl der bekannten Franckenberg-Briefe – im Jahre 1995 sind sie im Rahmen einer kritischen Ausgabe publiziert worden – wird mit diesem Fund um mehr als die Hälfte vermehrt.

Der Bestand des Linzer Archivs ist inzwischen im Internet zur Recherche zugänglich gemacht. Adresse: webopac2.goerlitz.de (Katalog: Linzer Jacob Böhme-Archiv)

Im Begleitband zur Jubiläumsausstellung der BPH Böhme’s Way into the World (vgl. Böhme-Bibliographie), die Ende 2007 in Amsterdam zu sehen war, werden Ergebnisse auch des gemeinsam durchgeführten Projekts präsentiert.
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Kritische Edition von Werken Jacob Böhmes


Seit seiner Gründung verfolgt das IJBI den Plan einer kritischen (Neu-)Edition von Werken Jacob Böhmes. Gemeinsam mit Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz vom Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der TU Dresden wurde dieser Plan weiterentwickelt und konkretisiert, so daß im Januar 2005 ein Antrag auf Förderung einer insgesamt sechsbändigen Böhme-Auswahlausgabe bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht werden konnte. Die neben dem ausführlichen Antrag von der DFG gewünschte auf eine Seite konzentrierte Zusammenfassung lautete:


„Jacob Böhme (1575-1624) zählt innerhalb der europäischen Geistesgeschichte des frühen 17. Jahrhunderts zu den herausragenden Denkern und Literaten. In diese Qualifizierung geht zum einen mit ein, daß er mit seinem philosophischen Entwurf an eine große Tradition, die über die mittelalterliche Mystik bis hin zu spätantiken philosophischen Strömungen zurückreicht, anknüpfte und sie auf hohem Reflexionsniveau fortführte; zum andern aber auch, daß er als Philosoph auf der Höhe seiner Zeit stand und, indem er der nachfolgenden geistesgeschichtlichen Entwicklung wesentliche Impulse zu geben vermochte, zu einem der (kritischen) Wegbereiter der Aufklärung wurde. An dieser Beurteilung seiner Leistung und Wirkung gibt es innerhalb der Forschung keine Zweifel; entsprechend rege ist ein weltweit zu konstatierendes wissenschaftliches Interesse an seinen Schriften; eine von der Internationalen Jacob Böhme-Gesellschaft Görlitz (IJBG) erstellte und auf den Webseiten der Gesellschaft veröffentlichte Bibliographie der neuesten, zwischen 1990 und 2002 erschienenen Böhme-Ausgaben und -Forschungen umfaßt mehr als zweihundert Titel in neun Sprachen.

Gemessen an diesem Interesse ist es natürlich bedauerlich, daß sich die Böhme-Forschung beim überwiegenden Teil seiner Schriften auch heute noch mit einer Edition aus dem Jahr 1730 behelfen muß, die, wenn auch für ihre Zeit recht sorgfältig veranstaltet, heutigen Ansprüchen an Textgenauigkeit und Transparenz der Textkonstitution bestenfalls noch ansatzweise genügen kann. So ist eine kritische Neu-Edition zumindest einzelner Werke seit langem schon vordringlichstes Desiderat. Unter dieser Prämisse besteht das Ziel des hier vorgestellten Vorhabens darin, eine Auswahl von Böhmes Schriften in einer insgesamt sechs Bände umfassenden Edition neu zu publizieren, wobei in dieser Auswahl neben einer Reihe kürzerer Traktate vornehmlich die bislang noch nicht in einer textkritischen Ausgabe zugänglichen „Hauptwerke“ Jacob Böhmes enthalten sein sollen. Der Edititionsplan im einzelnen hat folgendes Aussehen (in Klammern angefügt ist das Jahr der Entstehung sowie die Seitenzahl, die die betreffende Schrift in der Ausgabe von 1730 umfaßt):

Band 1:Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens (1619; 493)
Band 2: Vom dreifachen Leben des Menschen (1620; 344)
Band 3:Vom irdischen und himmlischen Mysterium (1620; 14); Eine kurze Erklärung sechs mystischer Punkte (1620; 13); Vierzig Fragen von der Seele (incl. Anhang zur ersten Frage: Das umgewandte Auge) (1620; 184)
Band 4: Von der Menschwerdung Jesu Christi (1620; 221)
Band 5: Von sechs Punkten (1621; 82); Von vier Complexionen (1621; 31)
Band 6: Mysterium Magnum (incl. Kurzer Extrakt ... ) (1623; 896)

Von sämtlichen der ausgewählten Schriften liegen bislang noch keine kritischen und/oder ausführlich kommentierten Ausgaben vor. Da die Böhme-Autographen in allen Fällen verlorengegangen sind, muß sich die Edition auf die jeweils mehreren noch erhaltenen frühen Abschriften stützen. Von ihnen gilt es, die dem Original mutmaßlich am nächsten kommende Kopie als Leithandschrift auszuwählen und deren diplomatischen Abdruck dem aktuellen wissenschaftlichen Standard gemäß um einen Lesarten- und Anmerkungs-Apparat zu ergänzen. Den Bänden soll zudem ein elektronischer Datenträger mit den Faksimiles und Transkriptionen sämtlicher relevanter Abschriften beigefügt werden, um der Forschung neben einer Kontrolle der vorgelegten Ergebnisse auch weiterführende philologische Studien zum Handschriftenmaterial zu ermöglichen. Für die Edition von Band 1 wird eine Zeit von zweieinhalb, für die Durchführung des gesamten Projekts von zwölf Jahren veranschlagt.“
Der Antrag wurde im August 2005 abgelehnt. Zur Begründung schreibt Dr. Thomas Wiemer, zuständig für den Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften bei der DFG, in seinem Brief vom 30.08.2005:
„Die Begutachtung des Antrags hat ein gemischtes Ergebnis erbracht. So wünschenswert es nach Ansicht der Gutachter wäre, eine kritische Ausgabe jener Werke Böhmes zu haben, die weder von Buddecke noch von van Ingen kritisch ediert worden seien, und so sorgfältig und detailliert die Planung des Vorhabens in Ihrem Antrag dargestellt sei, so wenig sei zu übersehen, dass das zugrunde gelegte Editionskonzept Probleme aufwerfe. In einem Gutachten heißt es dazu:
„Wie im Antrag zu Recht unterstrichen wird, übte Böhme in Deutschland ,insbesondere auf die Philosophie um 1800 einen nachhaltigen Einfluss aus‘ (Antrag S. 5). Dieser Einfluss, wie auch die Auseinandersetzung Blochs und Benjamins oder auch Koyrés mit Böhme, ist indes wohl ausschließlich auf die Druckausgaben der Werke Böhmes, allen voran der [!] Ausgabe von 1730, zurückzuführen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir der Gewinn einer Neuausgabe, die die typographische Gestalt der Werke Böhmes nicht berücksichtigt, also genau jenen Text, durch den Böhme gewirkt hat, außer Acht läßt, sowohl aus Sicht der Philosophie als auch der Philosophiegeschichte eher gering zu veranschlagen zu sein. Indem die Herausgeber sich ausschließlich auf die frühe handschriftliche Überlieferung von Werken stützen, deren Autographen verloren gegangen sind, mögen sie zwar ‚eine größere Annäherung an die ursprüngliche Textgestalt‘ (Antrag S. 12) erreichen und auch die ‚Transparenz der Entscheidungen, die zur Textkonstitution‘ (ibid.) führten, dürfte tatsächlich größer sein, nur werden sie dann einen Text konstituiert haben, der nur unter Böhmes engsten Anhängern Leser und Leserinnen gefunden haben kann. So interessant dieser Text philologisch und sozialgeschichtlich auch sein mag, wird er die von verschiedenen Philosophen entworfene philosophische Gestalt Böhmes kaum berühren, denn außerhalb von Böhmes engstem Adeptenkreis war (und wird es wohl auch noch für eine Weile sein) stets der Text der Ausgabe von 1730 maßgebend.‘

Bei der Diskussion Ihres Antrags im Fachkollegium wurden überdies Zweifel geäußert, ob die Bedeutung der zu edierenden Texte in philosophischer Hinsicht so groß sei, dass der Aufwand einer Förderung im beantragten Umfang, die nur im günstigsten Falle sich auf 12 Jahre werde begrenzen lassen, gerechtfertigt erscheine. Auch der in einem der Gutachten gemachte Vorschlag, die Förderung zunächst auf die des ersten Bandes zu begrenzen, erschien dem Fachkollegium nicht sinnvoll, weil damit bereits der Einstieg in die Förderung eines langfristigen Vorhabens unternommen wäre, für das die Angemessenheit von Aufwand und Ertrag zweifelhaft bleibe. Daher am Ende keine Förderungsempfehlung.“

Es fällt sehr schwer, auf eine Argumentation, von der sich kaum vorstellen läßt, daß sie ernstgemeint ist, ernsthaft einzugehen. Ich werde es trotzdem im folgenden zu tun versuchen.
Fassen wir zunächst zusammen: „So wünschenswert“ eine kritische Edition von Werken Jacob Böhmes auch sein mag, so überflüssig ist sie leider. Und warum das? Dr. Wiemer überläßt dazu das Wort einem der Gutachter, dessen Begründung er, so wird man daraus schließen dürfen, für besonders überzeugend hält. Diese Begründung lautet: Böhmes Philosophie hat auf viele der nachfolgenden Philosophen einen großen Einfluß ausgeübt. Da diese Philosophen aber allesamt die für eine kritische Ausgabe maßgeblichen frühen Handschriften nicht zur Hand hatten, würde eine Edition, die sich nur auf diese Handschriften stützt, für die Beschäftigung mit der auf Böhme nachfolgenden Philosophie nichts eintragen.

Mit diesem Argument könnte man nun freilich jede kritische Neuedition, von welchem Philosophen auch immer, für unnötig erklären, denn nur in den seltensten Fällen haben sich die Nachfolgenden schließlich nicht auf nach heutigen Maßstäben unbefriedigende frühe Drucke gestützt. Das Argument gilt im Grunde nur in Verbindung mit einem zweiten, und das wäre: Die Schriften Jacob Böhmes sind, wenn man von ihrer Nachwirkung einmal absieht, in philosophischer Hinsicht völlig uninteressant. Da sich der Gutachter zu dieser Aussage aber – vernünftigerweise – nicht explizit versteigen will (eine in diese Richtung weisende wird lediglich, traurig genug, von Dr. Wiemer im Anschluß an ein „überdies“ und also als ein zusätzliches, auf das Voranstehende keinen Bezug nehmendes Argument angefügt), bedient er sich eines Verfahrens, das zum selben Ziel hinzuführen verspricht, ohne daß er sich dabei mit gewagten Thesen exponieren muß: Er unterstellt diese Aussage einfach den Antragstellern. Mit dem Satz „Wie im Antrag zu Recht unterstrichen wird, übte Böhme in Deutschland ,insbesondere auf die Philosophie um 1800 einen nachhaltigen Einfluß aus‘“, leitet er seine Argumentation ein und tut dann im folgenden so, als lasse sich – und das eben auch und vor allem nach Ansicht der Antragsteller – einzig aus diesem Einfluß eine Rechtfertigung für das Editionsprojekt herleiten. Die im Antrag als solche herausgestellte Tatsache, daß die eminente Bedeutung der Böhmeschen Philosophie sich unter anderem an ihrer großen Nachwirkung zeige, verdreht er (wenn man nicht Unverständnis unterstellen will) absichtsvoll mißverstehend dahingehend, daß die Bedeutung Böhmes sich auf diesen Einfluß restlos reduzieren lasse.

Daß ein auf solchen Winkelzügen basierendes Elaborat von der DFG nicht nur als Begutachtung akzeptiert, sondern als Grundlage für eine Ablehnung buchstabengetreu übernommen wird, ist unglaublich, und das zumal der zitierte Abschnitt im einzelnen voller Stilblüten und Dilettantismen steckt: Was soll man sich etwa unter einer „von verschiedenen Philosophen entworfene[n] philosophische[n] Gestalt Böhmes“ vorstellen, die dann vom Text der projektierten Edition auch noch „berühr[t]“ werden soll? Ein Geheimnis des Gutachters wird es wohl ebenso bleiben, was „die typographische Gestalt der Werke Böhmes“ ist und was er unter „genau jene[m] Text“ versteht, „durch den Böhme gewirkt hat“. Sollte er damit den Text der Ausgabe von 1730 meinen, und das muß man wohl annehmen, denn er behauptet ja, daß dieser Text „stets ... maßgebend“ war, dann gibt er damit nur zu erkennen, daß es entgegen der von ihm zur Schau getragenen Sachkompetenz mit seiner Kenntnis der Rezeptionsgeschichte nicht weit her sein kann. Denn maßgebend in dem Sinne, daß Böhme durch genau jenen Text auf seine deutschsprachige Leserschaft gewirkt hat, wurde die Ausgabe von 1730 erst durch den Faksimile-Neudruck in den Jahren 1942 – 1961. Bis dahin stützten sich gerade auch die namhafteren Rezipienten zumeist auf andere Ausgaben: Hegel zitiert in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie nach der Ausgabe von 1715, Walter Benjamin in seinem Trauerspiel-Buch nach der von 1682. Daß im Antrag demgegenüber primär auf die Ausgabe von 1730 Bezug genommen wird, hat allein damit zu tun, daß es sich bei ihr um die von allen sorgfältigste handelt und daß sich eine Neu-Edition darum an dieser Ausgabe zu messen hat.
Und damit zum Schluß noch zum größten Rätsel der Ablehnungsbegründung, der so beiläufig eingeflochtenen Bemerkung: „und wird es wohl auch noch für eine Weile sein“! Wie ist es möglich, daß ein Gutachter der Entscheidung der DFG in seinem Gutachten so demonstrativ vorgreift; wie kann er sich derart sicher sein, daß sein Votum im Fachkollegium das ausschlaggebende sein wird? Mehr noch aber: Wie ist es zu erklären, daß er sich offenbar sehr zurecht derart sicher sein konnte (obwohl doch die „Begutachtung des Antrags ... ein gemischtes Ergebnis erbracht“ hat) und daß am Ende gar – ist das nun Zeichen eines herzlichen Einvernehmens oder ist es Beflissenheit? – diese wichtigtuerische Vorwegnahme der Entscheidung in die Begründung der Ablehnung übernommen wird?


Wie dem auch sei, die IJBG wird natürlich weiterhin am Projekt einer kritischen Edition von Böhme-Schriften festhalten. Die Absonderlichkeit der Ablehnung zeugt im Grunde ja nur von der Schlüssigkeit des Vorhabens. Wir werden alle an diesem Projekt Interessierten auf dieser Seite weiterhin auf dem laufenden halten. Anregungen und Unterstützung sind uns sehr willkommen.

Günther Bonheim
22.11.2005/11.12.2013

 

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Bestandsaufnahme und Dokumentation des Linzer Jacob Böhme-Archivs

 
Das auf insgesamt drei Jahre – vom 1. Juli 2001 bis zum 30. Juni 2004 – angelegte Projekt „Bestandsaufnahme und Dokumentation des Linzer Jacob Böhme-Archivs“ wurde von der Biblioteca Philosophica Hermetica, Amsterdam (BPH) und der Internationalen Jacob Böhme-Gesellschaft, Görlitz (IJBG) gemeinsam getragen.


Gegenstand dieses Projekts war das sogenannte Linzer Jacob Böhme-Archiv, eine ausgedehnte, heute auf insgesamt vier Standorte verteilte Sammlung von handschriftlichen und gedruckten Dokumenten aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Den Grundstock dieses Archivs bildeten die vom ersten Böhme-Verleger Abraham van Beyerland bereits ab den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts gesammelten Böhme-Handschriften und frühen Böhme-Abschriften, ein Bestand, der sich in den folgenden Jahrhunderten kontinuierlich um weitere Dokumente, vor allem um eine umfangreiche Korrespondenz der „Engels-Brüder und -Schwestern“, einer an den Vorgaben Johann Georg Gichtels und Johann Wilhelm Überfelds orientierten radikalpietistischen Gemeinschaft, vermehrte. Im Verlauf seiner Geschichte wurde das Archiv mehrmals verlagert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand es sich in Linz am Rhein. Dort wurde es im Jahr 1941 von der Gestapo beschlagnahmt und nach Berlin gebracht, wo man es provisorisch verzeichnete. Gegen Kriegsende und in der Nachkriegszeit gelangte es schließlich an seine heutigen Standorte: Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften (OLB) Görlitz, HAB Wolfenbüttel, UB Breslau und BPH Amsterdam.

Ziel des Projekts, das unter der Leitung von Dr. Carlos Gilly (Basel/Amsterdam) durchgeführt wurde, war die wissenschaftliche Erschließung des Archivs, das heißt zum einen die genaue bibliographische Erfassung des Bestandes, wie er vor 1941 in Linz noch geschlossen beisammen war, und zum anderen die Dokumentation der Geschichte des Bestandes, worunter vor allem die Beschreibung der Geschichte der Böhme-Handschriften als der zentralen Bestandteile des Archivs von ihrer Ankunft in Holland bis zu ihrer Aufnahme in die Bibliotheken Wolfenbüttel und Breslau zu verstehen ist.

Gleichsam ein erfreuliches Nebenprodukt der archivarischen/bibliothekarischen Arbeit war die Entdeckung einiger unbekannter frühneuzeitlicher Handschriften. Unter ihnen ragen zwei Einzelstücke hervor: Bei dem ersten handelt es sich um eine frühe, noch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammende Abschrift zweier Böhme-Briefe. Die Entdeckung wurde als „Exponat des Monats“ im Oktober 2002 im Barockhaus Neißstr. 30 vorgestellt. Mit ihm verfügt die Stadt Görlitz nun über ein frühes Manuskript von Böhme-Schriften. Beim zweiten handelt es sich um ein aus insgesamt 72 Blättern bestehendes fragmentarisches Manuskript mit Abschriften von bislang unbekannten Briefen Abraham von Franckenbergs (1593-1652), eines der ersten Böhme-Biographen und Verfassers religiöser Traktate. Die Zahl der bekannten Franckenberg-Briefe – im Jahre 1995 sind sie im Rahmen einer kritischen Ausgabe publiziert worden – wird mit diesem Fund um mehr als die Hälfte vermehrt.

Der Bestand des Linzer Archivs ist inzwischen im Internet zur Recherche zugänglich gemacht. Adresse: webopac2.goerlitz.de (Katalog: Linzer Jacob Böhme-Archiv)

Im Begleitband zur Jubiläumsausstellung der BPH Böhme’s Way into the World (vgl. Böhme-Bibliographie), die Ende 2007 in Amsterdam zu sehen war, werden Ergebnisse auch des gemeinsam durchgeführten Projekts präsentiert.
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Günther Bonheim


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