Filmkritik: Morgenröte im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme. 

 

Stellen wir uns vor, ein Kinobesucher wollte sich mit diesem Film über Jacob Böhme informieren. Das Kino kennt er, ein mutiges Lichtspielhaus am Ufer abseits des Mainstreams, mit anspruchsvollen Themen in durchaus experimenteller filmästhetischer Tradition. In Erwartung eines Films über den barocken Philosophen, der von 1575 bis 1624 gelebt hat: Jacob Böhme, rechnen wir zunächst mit Szenen aus Mantel- und Degen-Dramen, mit kostümierten Damen und Herren, die durch eine Altstadtkulisse wandeln oder wanken, mit Kutschen, die über Kopfsteinpflaster rumpeln, und Armeeszenen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Immerhin hat Jacob Böhme in seiner Zeit von ihr viel erlitten, mitbekommem und sich in ihr bewegt. Doch nichts von alledem. Dieser Film ist anders, ganz anders. Wie also, so die Frage, erreicht dieser Film ein Publikum, das über Jacob Böhme wohl in der Regel  nicht viel weiß.

 

Den Namen hat unser Kinobesucher wohl gehört, bei Novalis, der Böhme als geheime Vaterfigur besingt, bei Hegel, der in Böhme seine Dialektik präfiguriert fand, bei Schopenhauer, dessen „Wille“ als Ursache allen Ungemachs er im Ungrund Böhmes vorfand, bei Angelus Silesius, dem Dichter, den noch der Dalai Lama zustimmend zitieren könnte, bei Quirin Kuhlmann, dem avantgardistischen Ekstatiker des Barock. Überall in den letzten 400 Jahren kann einem der inspirierende Name Jacob Böhmes begegnen, und nun dieser Film, der von all dem nicht handelt, in dem gar nicht gehandelt wird. Schaun wir mal, denkt unser Kinobesucher.

 

Es ist viel von Gott die Rede, fast in jedem Satz der aus dem Off gesprochenen Zitate. Eine wunderbar langsame Stimme, die jede Silbe erst abschmeckt, bevor sie Buchstabe für Buchstabe langsam sich im Raum verteilt, auf Schallwellen, die eine eigene Realität im Kopf erzeugen. Der auf der Leinwand zu sehen ist, soll wohl Jacob Böhme sein. Und ein Blick auf die überlieferten Bildnisse bestätigt: Ja, das ist er, Jacob Böhme, der Schuhmacher mit wirrem, recht dünnem Haar, hoher Stirn, kurzem Bart, verstaubtem Mantel. Eine gewisse Melancholie liegt auf dem Gesicht, ein gelblich zitterndes und zagendes Suchen mit den Augen. Sein Mund bewegt sich nicht zum Sprechen, es wird nur seine Gestalt gezeigt, wie sie stets langsam durch eine bewaldete Sumpflandschaft geht, in einer Art Keller sitzt, am Tisch schreibt, auf dem Boden hockt, auf einem großen Ast eines stämmigen Baumes liegt, und Sätze spricht, wie diesen:

 

„Ach, dass wir uns nicht kennen! O du edler Mensch, wenn du dich kennetest, wer du bist, wie solltest du dich freuen!“

 

Der Leib Gottes ist ihm die Natur, und selbst das Böse in der Welt ist irgendwie auch in Gott.

 

„Denn die Sanftmut in der Natur ist eine stille Ruhe; aber die Grimmigkeit in allen Kräften machet alles beweglich, laufend und rennend, dazu gebärend.“

 

Das Böse als Motor der Bewegung, das ist eine steile These, die die Frage ertragen muss, wie wir uns in der Geschichte bewegen sollen: verändernd, gestaltend, kämpferisch, oder ruhend, gelassen bleibend, und aussteigen? Nützt die christliche Charitas etwas, wenn sie kämpferisch ist?

 

„Denn du darfst nicht sagen: Wo ist Gott? Höre, du blinder Mensch, du lebest in Gott und Gott ist in dir: und so du heilig lebest, so bist du selber Gott. Wo du nur hinsiehest, da ist Gott.“

 

Das unsichtbare Gebirge des Denkens wird immer steiler. Die Naturräume, die der Mann auf der Leinwand durchschreitet, verkörpern diese Sätze, ohne sie zu sprechen. Die Wahrheit schwebt als Geiststimme im Saal. Und plötzlich wird dem Kinobesucher unheimlich: Wo bei all dem kommt die Kirche vor? Dieser Schuster gesteht jedem Menschen zu, sich selber zu heiligen, ja seinen Gott in sich zu haben, deshalb diese Naturräume auf der Leinwand, deshalb zeigt der Film keine Bilder in Kirchen oder vor Altären.

 

Aus dem Zuschauerraum wird selber ein Kirchenschiff, das ist zu spüren, man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es. Die Stimme im Off, hervorragend intoniert von Max Hopp, klingt wie der Heilige Geist, und der Mann auf der Leinwand stellt eine Menschwerdung diesen Geistes dar, das ist an einer Stelle gut gelungen, da Jacob Böhme auf der Erde liegt und die Arme ausbreitet, wie ein Gekreuzigter ohne Kreuz. Die Kinoleinwand wird zum Altar, auf dessen Flügeln der Film zu sehen ist wie zu Jacob Böhmes Zeiten geschnitzte Holzfiguren, die auch etwas erzählen. Etwas Numinoses, ein unnennbares Element des Unheimlichen durchzieht diesen Film. Das Gesicht in Großaufnahme, Jacob Böhme darstellend, blickt mal starr, mal friedlich, mal dämonisch ins Publikum. Um den Kopf herum bewegt sich ein Lichtstrahl, der die Oberfläche des Kopfes abtastet wie das Licht der Morgenröte die Oberfläche der Erde. Die Kameraführung von Max Hopp und Jan Korthäuer meditiert gleichsam mit Linse und Licht.

 

Die Stimme, die Zitate spricht, kein einziges aus der Bibel, keinen eigenen Satz, nur Zitate aus den Werken Jacob Böhmes, die recht wohl aus dem Zentrum seiner Gedanken stammen, trennt und vereint sich zugleich von der Gestalt auf der Leinwand. Ronald Steckel hat über Jacob Böhme und seine Schriften gründlich recherchiert. Ganz genau wie Jacob Böhme – als typischer Renaissancephilosoph - die Welt, Erde und Elemente als das Ausgesprochene einer Stimme der Schöpfung versteht, im Sinn einer ineinander verschlungenen Trennung von Außenwelt und Innenwelt aller Dinge, so trennt der Film ästhetisch konsequent die Stimme Jacob Böhmes, sein Inneres, vom Bild dieses Menschen, kaum mehr ein Bild, das philosophisch das Laufen lernt. Er gilt als der erste deutsche Philosoph, ein Laie in medizinischen wie theologischen Angelegenheiten, und in dieser handwerklich-naiven Haltung recht wohl die Anfängerschaft der von Theologie und Kirche sich allmählich befreienden Philosophie symbolisierend. Dieses durchaus Ängstliche und Anfangende im Denken jener Zeit zeigt sich in den Zitaten des Films ebenso gut wie in den sensiblen Körper- und Gesichtsgesten des Jacob-Böhme-Darstellers Klaus Weingarten.

 

Die Probleme, mit denen Jacob Böhme als Kirchenkritiker zu kämpfen hatte, das also, was gerade das Emanzipatorische an der historischen Gestalt Jacob Böhmes ausmacht, ist nur mittelbar Thema des Films. Das ist nicht schlimm. Dem Zuschauer begegnet dann aber im Abspann folgender Satz:

 

„Sein Begräbnis auf dem Nicolai-Friedhof wurde für die Kirche und die Stadt Görlitz zum Politikum. Das von Freunden und Gönnern gestiftete Grabkreuz wurde wenige Tage später von Unbekannten zerstört.“

 

Das vermittelt sich uns Heutigen nicht. Warum, so die Frage derer, die heute mehrheitlich – sagen wir: konfessionsneutral der Kirche und Gott gegenüber stehen, verweigerte man Böhme ein kirchliches Begräbnis, da doch bei ihm so oft und für unsere Ohren bis zur Bravheit von Gott und immer wieder von Gott die Rede ist? Hier ist im Fall Jacob Böhmes und der freireligiösen Tradition der Mystik, in der er wirkte, noch einiges an Aufklärung nötig. Hierzu hat der meditative Böhme-Film des "Nootheaters" und der "Organisation zur Umwandlung des Kinos" einen Beitrag geleistet, indem er vermeidet, ein historisches Referat zu liefern, sondern einen kleinen subversiven Gottesdienst in profanen Kinoschiffen zu zelebrieren.

 

Thomas Isermann (Berlin)

 

Morgenröte im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme. Darsteller: KLAUS WEINGARTEN, Stimme: MAX HOPP, Kamera: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, Ton / Licht / Montage / Recherche: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL, KLAUS WEINGARTEN, Sprachaufnahmen: NOOTHEATER, Musik / Sounddesign: MATTHIAS KIRSCHKE, RONALD STECKEL, Konzept / Textbuch / Dramaturgie / Sprachregie: RONALD STECKEL, Regie: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL, KLAUS WEINGARTEN, Produktion: nootheater  & Organisation zur Umwandlung des Kinos. © 2015, hd / 16mm / s/w & Farbe / 16:9 / 81min