Georg Joseph, (ca. 1620-1658) aus Heilige Seelen-Lust, Breslau 1668
O du Kleinod meiner Sinnen
Lee Santana (*1959)
nach Gedichten von Angelus Silesius aus Cherubinischer Wandersmann und Heilige Seelen-Lust, 2020
Der Himmel ist in dir
Wie schön bist du mein Leben
Man muss sich überschwenken
Sei gegrüßet und geküsset
Du musst zum Kinde werden
Georg Joseph
Liebe, die du mich zum Bilde
Komm, o heilger Geist, o komm
Morgenstern der finstern Nacht
Lee Santana
Ich will dich lieben meine Stärke
Sie hat gefunden, den ihre Seele liebt
Luis Milan, (1536)
Fantasia VI
Lee Santana, (2020)
Die Tingierung
Georg Joseph
O Jesu, du verliebter Gott
Komm Liebster, komm in deinen Garten
Mein Lieb ist mir und ich bin ihm
Lee Santana
Das Seraphinische Leben
Du tausendliebster Gott
Der Mensch macht die Zeit
Nun will ich mich scheiden von allen Dingen
Ohne warum
Ausführende:
Antje Rux, Sopran
Lee Santana, Lauten und Vihuela
Johannes Scheffler wird im Dezember 1624 in Breslau geboren und verwaist bereits im Alter von 15 Jahren. Früh wird
Schefflers dichterische Begabung erkannt. Während seiner Studienjahre im holländischen Leiden und in Padua kommt der Protestant Scheffler mit Schriften von Jacob Böhme, mittelalterlicher Mystik und italienischem Katholizismus in Berührung. Als Doktor der Medizin und Philosophie kehrt er 1648 nach Breslau zurück, tritt eine Stelle als Hofmedicus an und widmet sich der Dichtung. Seit 1650 verbindet ihn eine tiefe und prägende Freundschaft mit Abraham von Franckenberg. In der mystischen Lebenspraxis und Gedankenwelt des Franckenbergkreises findet er eine innere Heimat und Impulse für sein dichterischeres Schaffen. Als der Freund 1652 stirbt, verliert Scheffler seine geistige Familie. Er gerät in Konflikte mit der orthodox lutherischen Geistlichkeit und Zensur in Breslau und fällt in eine tiefe Krise. Auf der Suche nach einer neuen Gesinnungsgemeinschaft nähert er sich im Stift St. Matthias der jesuitischen Spiritualität. 1653 konvertiert er zum Katholizismus und erhält den Namen Angelus Silesius. Er studiert katholische Theologie und wird 1661 zum Priester geweiht. Sein Glaubensübertritt löst in den orthodox-lutherischen Kreisen heftige öffentliche Diskussionen aus. Er wird beschimpft und reagiert seinerseits mit Pamphleten. Die religiösen Streitschriften beider Seiten zeugen von Unversöhnlichkeit. Mit seinem leidenschaftlichen Temperament verstrickt sich Silesius in den Glaubenskämpfen der Gegenreformation, sein Engagement nimmt mehr und mehr fanatische Züge an. Sein beträchtliches Vermögen schenkt er im Laufe der Jahre unbegüterten Kindern und stiftet es Hospitälern, nur seine Bücher gibt er nicht weg. Seit 1666 lebt er im St. Matthiasstift und wirkt als Priester und Armenarzt. Nach längerer Abgeschiedenheit und Krankheit stirbt Angelus Johann Silesius am 09.07.1677.
Wahrscheinlich 1652, in einer Zeit persönlicher Krise, entsteht der erste Teil einer Sammlung von Sinnsprüchen in der
kunstvollen Form des paarweise gereimten Alexandriner-Epigramms, später Cherubinischer Wandersmann genannt.
Scheffler lässt Gedankengut aus verschiedensten theologischen Strömungen einfließen: Dionysius Areopagita,
Bernhard des Clairvaux, Meister Eckehard, Johannes Tauler, Gertrud von Helfta, Mechthild von Magdeburg, Johannes
vom Kreuz, Jakob Böhme etc. Glanzvoll formuliert sein dichterischer Genius das mystische Paradox, wie in Ekstase
schreibt er seine mystischen Erleuchtungen und Erkenntnisse in vier Tagen nieder. Weitere Teile folgen. 1675 erscheint
die sechs Bücher umfassende Spruchsammlung im Druck.
Die Heilige Seelen-Lust, eine Sammlung aus 205 geistlichen Gedichten, nimmt ebenfalls 1652 ihren Anfang und wird
1668 als fünfbändiges Liederbuch gedruckt. Silesius ordnet dieses Werk den Seraphim zu. Streben die Cherubim nach
Erkenntnis des Wesen Gottes, so brennen die Seraphim in Liebe zu Gott. Die reich mit Metaphern ausgeschmückten
Gedichte sind an die in Christus verliebte Seele adressiert. In Anlehnung an die alttestamentliche Liebesdichtung des
Hoheliedes entfaltet Silesius ein Zwiegespräch zwischen Braut-Bräutigam, Seele-Christus.
Die Heilige Seelen-Lust wird von Anfang an von beiden Konfessionen wahrgenommen. In pietistischen ebenso wie in
katholischen Kreisen lebt das Bedürfnis nach einer emotionalen, persönlichen Gottesbeziehung. Über 50
Silesiusgedichte finden Eingang ins pietistische Hallesche Gesangbuch. Bis heute sind die Lieder Schefflers/Silesius in
den Kirchengesangbüchern beider Konfessionen vertreten.
Georg Joseph (1620-68), der Komponist der Heiligen Seelen-Lust, ist im ausgehenden 17. Jahrhundert ein
angesehener Musiker. Seinen Dienst versieht er am Hof des Breslauer Fürstbischofs. In Zusammenarbeit mit Silesius
hat er 184 Gedichte mit außbündig schönen Melodeyen geziert. Die Generalbasslieder werden zur Begleitung einer
Laute oder eines Clavichords gesungen und sind für das häusliche Musizieren gedacht. Ein Liederschatz, in dem sich
erbauliche Arien in der Tradition Heinrich Alberts, einfach gehaltene Kirchenlieder und italienisch anmutende
Canzonetten und Lamenti finden. Eine öffentliche Aufführung mit größerem Instrumentarium im Gottesdienst war von
Scheffler und Joseph angedacht, denn der Herausgeber kündigt an, dass instrumentale Vor-, Zwischen - und
Nachspiele ihm allbereit unter Handen seien. Diese Bearbeitungen sind leider nicht überliefert. Lee Santana füllt diese
Leerstelle und „orchestriert“ Josephs Lieder auf kunstvolle Weise. Mit seinen raffinierten Lautenbearbeitungen findet er
eine einzigartige musikalische Antwort aus heutiger Sicht.
Antje Rux, Juni 2023- www.antjerux.com
Jeder ausgewählte Text von Angelus Silesius, aber besonders die Epigramme, sind wie Mantras. Die Wiederholungen
dieser „Mantras“ generieren für den Musiker Klänge, die sich als Stücke herauskristallisieren. Eigentlich sind die Texte
endlose Variationen über nur ein Thema, die Metamorphose oder Tingierung der Seele von der Ego-Identifikation zur
Gott-Natur. Die einzelnen Lieder und die Solo-Sonaten basieren auf Varietas; Wiederholungen von wiedererkennbarem
Material in ständiger Veränderung, manche gezielt, manche ohne Warum.
Lee Santana, 2023- www.leesantana.info